Imker mit Tradition – meine Geschichte
Wenn ich heute an meinen Bienenständen stehe, weiß ich: Ich bin nicht der Erste in meiner Familie, der sich um ein paar Tausend summende Wesen kümmert und hoffentlich auch nicht der Letzte.
Noch bevor 1815 Napoleon bei Waterloo besiegt wurde, hielten meine Vorfahren schon nachweislich Bienen. Mein Ur-Ur-Ur-Großvater Johann-Christoph Arlt lebte in einem kleinen Dorf namens Prittag bei Grünberg, dem heutigen Zielona Góra, und war Böttchermeister. Die Region war und ist bis heute ein Weinanbaugebiet. Das milde Klima tat nicht nur den Reben gut, sondern auch den Bienen.
Als Böttcher lebte er vom Wein: Fässer für Winzer, hölzerne Gefäße für Haushalt und Handwerk. Holz war der Kunststoff jener Zeit. Neben der Werkstatt gehörten Bienenstöcke ganz selbstverständlich dazu. Nach Johann-Christoph übernahm sein Sohn Heinrich-Wilhelm die Böttcherei. Er hatte neun Kinder, beim neunten war sogar König Wilhelm Pate. Der kleine Junge starb tragischerweise mit zwei Jahren, aber die übrigen Kinder wurden – wie ihre Väter – wieder Handwerker und Imker.
Dann kam die Reblaus. Ab 1863 zerstörte der aus Nordamerika eingeschleppte Schädling Weinberge in ganz Europa. Die „Reblauskatastrophe“ traf nicht nur die Winzer, sondern auch alle, die an diesem Wirtschaftszweig hingen – darunter die Böttcher. Mein Ur-Ur-Großvater Heinrich-Wilhelm musste sich beruflich neu orientieren. Vom Böttcher zum Tischlermeister war es ein naheliegender Schritt. Eines aber blieb: die Bienenhaltung als Konstante in unserer Familiengeschichte.
Nach ihm führte Gotthilf Arlt die Tischlerwerkstatt weiter. Ihm folgte mein Urgroßvater Reinhold Arlt. Von ihm gibt es schon Fotos, und einige seiner Geschichten habe ich als Kind gehört. Er hatte zwölf Kinder, vier davon habe ich noch kennengelernt. Durch Fleiß, Sparsamkeit und Gottes Segen konnte er ein eigenes Grundstück mit Haus, Stall und Werkstatt erwerben. In diesem Haus habe ich als Kind mehrfach übernachtet. Damals gehörte es nicht mehr unsere Familie, aber davon später. In der Familienchronik liest man immer wieder dasselbe Muster: Handwerk und Bienen gehören zusammen.
1924 übernahm mein Großvater Johannes Arlt Haus und Werkstatt. Diese Phase währte leider nicht lange. 1939 wurde er eingezogen, in einen Krieg, aus dem er nicht zurückkehrte. Mein Vater Georg war damals zwölf Jahre alt. Als ältester Sohn musste er früh Verantwortung übernehmen: Haus, Hof, Feld – und die Bienenstöcke.
Nach Krieg, Vertreibung, Ausbildung und Heirat begann für meinen Vater die „eigene“ Bienenzeit. In Hirschluch bei Storkow baute er die ersten Beuten und Rähmchen (DNM) selbst. Ich bin mit dem Bild aufgewachsen, wie mein Vater an den Bienen arbeitet: der Geruch von Wachs und Holz, das leise Summen, die ruhigen Handgriffe. Später habe ich ihm bei den Arbeiten geholfen, ohne zu ahnen, dass ich dieses Erbe einmal ganz bewusst aufnehmen würde.
Bei meinem Vater fand wieder ein Berufswechsel statt. Zwar hat er noch die Prüfung zum Tischlermeister abgelegt, ist später dann erst in den Diakon und später in den Pfarrberuf gewechselt.
Er war aber nicht der einzige der die Tradition weiter geführt hat. Sein Bruder, mein Onkel Ulrich Arlt hatte viele Jahre in seinem Garten ebenfalls Bienen zu stehen, die er mir ganz stolz bei meinem ersten Besuch nach dem Mauerfall gezeigt hat.
2005, nach Ausbildung, Heirat und Zwischenstationen, bin ich mit meiner Frau und unseren vier Kindern in unser Haus mit Garten in Kaulsdorf-Süd eingezogen. Plötzlich waren die Voraussetzungen da, um selbst mit der Imkerei zu beginnen. Im Gespräch mit einem benachbarten Imker erwähnte ich nebenbei, dass ich mir nun Bienen anschaffen möchte. Wenig später stand das erste Volk in meinem Garten.
Seit 2005 leben also wieder Bienen „bei uns hinterm Haus“. Anfänglich wurden sie in der Familie noch etwas misstrauisch beäugt – zwischen Hund, Katze und Hühnern wirkten sie zunächst wie exotische Neuzugänge. Doch aus „den Bienen da draußen“ wurden schnell „unsere Bienen“ und ein selbstverständlicher Teil unseres Alltags.
2023 folgte dann der nächste logische Schritt: die Zertifizierung zur BIO-Imkerei. Der notwendige Wachstausch war teuer und mit viel Aufwand verbunden, aber im Grunde musste ich wenig ändern. Nachhaltigkeit und ein möglichst „sauberes“ Arbeiten waren mir von Anfang an wichtig, schließlich sollte der Honig zuerst meiner eigenen Familie zugutekommen. Stoffe, Medikamente und Betriebsweisen, die in einer Bio-Imkerei nicht verwendet werden dürfen, hatten bei mir auch 2005 schon keinen Platz.
Vor wenigen Jahren habe ich gemeinsam mit meinem Sohn einen Ausflug nach Prittag gemacht, an den Ort, an dem das alles seinen Anfang nahm. Das Haus, das mein Urgroßvater einst erworben hatte, steht immer noch – etwas baufällig zwar, aber unverkennbar. Hühner- und Ziegenstall werden noch wie zu seiner Zeit genutzt. Und auch Bienenstöcke stehen an fast derselben Stelle wie vor rund hundert Jahren. Die alte Tischlerwerkstatt jedoch gibt es nicht mehr. An ihrer Stelle steht seit langem ein neues Wohnhaus für eine junge Familie.
Mein Vater stand viele Jahre in freundschaftlichem Kontakt mit den neuen Besitzern. Diese waren durch die Folgen des Zweiten Weltkriegs ebenfalls vertrieben worden und aus dem Gebiet der heutigen Ukraine nach Prittag gekommen. Erst als mein Vater den neuen Eigentümern versichert hatte, dass niemand aus unserer Familie zurückkommen und Haus oder Grundstück zurückfordern würde, hatten sie um 1970 den Mut, die alte Werkstatt abzureißen und ein neues Zuhause für ihre Familie zu bauen.
Für mich ist dieses Haus heute ein ganz persönliches Symbol für Frieden und Versöhnung: Die Geschichte meiner Familie erzählt von Verlust und Neubeginn, von Umbrüchen und dem Mut, weiterzumachen. Was geblieben ist, sind die Bienen – dort inzwischen in zweiter oder dritter Generation, bei uns in Kaulsdorf-Süd nun schon in 6. Generation.
Wenn ich heute ein Volk öffne, an den Waben rieche und frischen Honig sehe, dann spüre ich: Ich stehe nicht allein da. Hinter mir stehen mehr als 200 Jahre Handwerk, Arbeit und Verantwortung für ein kleines, aber sehr besonderes Tier. Und ich freue mich darauf, dieses Erbe weiterzugeben.
Der nächste Schritt wird hoffentlich die erfolgreiche Zertifizierung als Apitherapie-Imkerei sein. Man braucht auch mit über 60 noch Ziele.