Nehmen Honigbienen den Wildbienen nicht die Nahrungsgrundlage weg?
Diese Frage bekomme ich immer wieder gestellt – und auf den ersten Blick klingt sie logisch: Viele Honigbienen, wenig Blüten, also müssen doch die Wildbienen zu kurz kommen.
Die Realität ist deutlich komplexer. Kurz gesagt:
Nicht die Honigbiene ist das Problem, sondern das, was wir Menschen mit der Landschaft machen.
Das eigentliche Problem: fehlende Lebensräume
Wildbienen brauchen zwei Dinge:
- Nahrung – also pollen- und nektarreiche Pflanzen
- Habitate – also geeignete Nistplätze und Strukturen
Genau an diesen beiden Punkten hapert es heute:
- Bodenversiegelung durch Straßen, Parkplätze, Neubaugebiete
- große Monokulturen statt abwechslungsreicher Landschaft
- „pflegeleichte“ Steingärten und Schottervorgärten
- Mähroboter-Rasen, der alle Blüten wegputzt
- zu wenig heimische Wildpflanzen und blühende Strukturen
Wenn es an Blütenvielfalt und Nistmöglichkeiten mangelt, helfen auch weniger Honigbienen nichts – dann fehlt schlicht die Grundlage für alle Bestäuber: Wildbienen, Schmetterlinge, Schwebfliegen und eben auch Honigbienen.
Honigbienen und Wildbienen – verschiedene Strategien
Honigbienen sind Generalisten. Sie fliegen dort, wo viel zu holen ist: Massentrachten wie Raps, Lindenblüte oder große Kleeflächen. Sie sammeln von sehr vielen Pflanzenarten, aber immer da, wo Angebot und Ertrag groß sind.
Viele Wildbienenarten sind dagegen Spezialisten:
- Sie sind auf 1–2 bestimmte Pflanzenfamilien oder sogar einzelne Pflanzenarten angewiesen
- Sie fliegen oft nur in einem kurzen Zeitraum im Jahr
- Manche nutzen sehr spezielle Nistplätze (Hohlräume, Sandböden, Totholz, Schneckenhäuser, markhaltige Stängel usw.)
Auf genau diese spezialisierten Pflanzen und Strukturen haben Honigbienen oft gar kein so großes „Interesse“ – ihnen fehlen dort die großen Mengen.
Mit anderen Worten: Wildbienen verlieren nicht, weil Honigbienen etwas „wegnehmen“, sondern weil ihre speziellen Lebensräume verschwinden.
Ein Blick in den eigenen Garten
In meinem eigenen Garten sind viele Honigbienen unterwegs – von meinen Völkern und von Nachbarvölkern. Gleichzeitig entdecke ich dort jedes Jahr neue Wildbienenarten.
Warum funktioniert das?
- Es gibt Steinhaufen und offene Ecken
- Bereiche, in denen nichts „aufgeräumt“ wird
- Laubhaufen, alte Stängel, Totholz
- es gibt sonnige, offene Stellen, kleine Wildnisbereiche
- viele verschiedene Blumen, Stauden und Kräuter, die zu unterschiedlichen Zeiten blühen
Mit anderen Worten: Es gibt Platz für Vielfalt.
Wo Strukturreichtum und Blütenfülle vorhanden sind, finden auch Wildbienen ihren Platz – trotz, oder sogar gerade wegen des blühenden Angebots, das auch die Honigbienen anzieht.
Beispiel aus der Forschung: Viele Honigbienen – viele Wildbienen
Das über 100 Jahre alte Länderinstitut für Bienenkunde (LIB) betreibt seit Jahrzehnten rund 50 Bienenstände. Dort stehen also sehr viele Honigbienenvölker auf relativ engem Raum. Man könnte vermuten, dass dort für Wildbienen nichts mehr übrig bleibt.
Untersuchungen haben aber gezeigt:
Ausgerechnet dort findet man eine besonders große Artenvielfalt an Wildbienen.
Der Grund ist einfach und gleichzeitig deutlich:
- Es wird kaum gemäht
- Flächen dürfen verwildern
- Blütenvielfalt statt Zierrasen
- Strukturen werden stehen gelassen, statt „aufgeräumt“
Mit anderen Worten:
Wo die Landschaft abwechslungsreich ist und blühen darf, finden alle Bienen – Wildbienen und Honigbienen – ihren Platz.
Gemeinsam statt gegeneinander
Statt Honigbienen und Wildbienen gegeneinander auszuspielen, lohnt sich der Blick auf das, was wirklich hilft:
weniger Versiegelung, mehr Grün
keine sterilen Schottergärten, sondern lebendige Gärten
heimische Wildpflanzen statt nur „Deko“
wilde Ecken zulassen, statt alles perfekt zu trimmen
Nur dort, wo es insgesamt zu wenig gibt, wird es für alle eng.
Wo Vielfalt herrscht, müssen sich Honig- und Wildbienen nichts „wegnehmen“ – dann ist genug für alle da.